Ein Kinderbuch im Kampf gegen Normen
14. Mai 2012 von MagdaIch habe keine Kinder und glaube, dass ich das letzte Kinderbuch vor 15 Jahren vorgelesen bekam. Und da mein Papa immer sehr genuschelt hat, habe ich auch davon nur die Hälfte verstanden. Wie ihr lesen könnt: Hier rezensiert keine Expertin.
Interessant fand ich es trotzdem, das Kinderbuch „Unsa Haus – und andere Geschichten“ von Ben Böttger und Rita Macedo zu lesen, denn die Autor_innen haben sich einer Aufgabe angenommen, die gerade für Kinderbücher von größter Bedeutung ist, nämlich einen Raum zu schaffen für nichtnormative* Darstellungen von Familienzusammenhängen, Identitäten und zwischenmenschlichen Beziehungen.
In den einzelnen Kurzgeschichten lernen wir die fünf Freund_innen, ihren Alltag, ihre Sorgen und Freuden kennen. Da ärgert sich Dani darüber, dass er immer nur langweilige Kleider beschenkt bekommt; Fatma erzählt von ihrem Traum Astronautin zu werden und Fredi wird von ihren Vätern in der Kampfsportschule angemeldet – und bekämpft so mit viel Phantasie die Monster in ihren Alpträumen.
Sehr oft habe ich mich beim Lesen dabei erwischt, wie ich überrascht war, zum Beispiel dass dieses kurzhaarige Kind mit einem weiblichen Personalpronomen versehen wird. Oder dass die Eltern aus zwei Vätern bestehen. Ein perfektes Buch also, um auch die eigenen stereotypen Vorannahmen kritisch zu hinterfragen.
Schön finde ich ebenfalls, dass die Kinder nicht einfach als bloße Vertreter_innen einer sozialen Gruppe auftreten. So dreht sich das Leben eines Kindes, welches beispielsweise kaum gesellschaftlichen Vorstellungen von „normalgewichtig“ entspricht, nicht automatisch nur um Gewicht oder Diäten. Die Kinder werden also nicht auf ein Merkmal reduziert – erfrischend!
Etwas absurd wurde es leider gegen Ende: Auf einmal taucht ein grüner Mensch auf. Für mich roch das ein wenig nach „Was für eine schöne bunte Welt, Menschen gibt es in allen Farben“, was auf den ersten Blick kreativ wirkt, aber real existierende (rassistische) Diskriminierungserfahrungen verharmlost. Ich hatte an manchen Stellen auch das Gefühl, dass mit einer Identitäts-Checkliste gearbeitet wurde, um ja keine Identität auszulassen.
Empfehlen kann ich das Buch jedoch ohne große Zweifel: So oft wie ich Erziehende klagen höre, welchen diskriminierenden oder genormten Darstellungen Kinder in Büchern, Filmen oder Songs auch heute noch ausgesetzt sind, kann dieses Buch nur eine angenehme Abwechslung darstellen. Zusätzliches Plus: „Unsa Haus“ wird es bald auch in türkischer Sprache zum Download geben.
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* Nichtnormativ heißt laut NoNo-Verlag, dass Menschen „in ihrer Vielfalt dargestellt und angesprochen werden, unabhängig davon, inwiefern sie gesellschaftlichen Normen (beispielsweise bezogen auf Sexualität, Hautfarbe, Fähigkeiten) entsprechen. Da es auf dem Buchmarkt ein vielfältiges Angebot für Menschen gibt, die nicht „aus der Norm fallen“, heißt nichtnormativ in diesem Kontext auch, gerade diejenigen Bevölkerungsgruppen darzustellen und anzusprechen, die ansonsten an den Rand gedrängt werden.“
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Mit den Revolutionen in Tunesien und Ägypten vor knapp einem Jahr ist auch eine weitere Frage immer wieder aufgetaucht: Wie steht es um die Frauen in Nordafrika, bzw. dem Mittleren Osten? Das Buch “Women and the Family in the Middle East” beleuchtet historische Entwicklungen, von den zwanziger Jahren bis in die Achtziger. Betrachtet werden zehn Länder, vom Irak über Ägypten bis zum Sudan, sowie die Palästinensischen Autonomiegebiete. Außen vor bleiben die Länder “ohne westlichen Einfluß” und Kolonialzeit, der Jemen und Saudi-Arabien, trotzdem ist dies schon ein weites Feld. Darüberhinaus werden die Themen Familie, Arbeit, Religion, Krieg & Revolutionen, Identität und Gesundheit & Erziehung betrachtet – eine umfassende Analyse gibt es daher nicht.
Im Bereich der feministischen Theorie den Überblick zu behalten fällt manchmal recht schwer. Zu groß ist die Fülle an Denkmöglichkeiten, Ansichten, Weiterentwicklungen und mehr. Empfehlenswert ist daher sich mit Einführungsbänden auseinanderzusetzen und anhand dieser die Zusammenhänge feministischer Strömungen durch zu denken und das eigene Wissen zu vertiefen. Schwierig ist jedoch das richtige Werk zu finden, soll die Einführung doch weder zu überblickshaft noch zu genau sein. Das bereits in fünfter und immer wieder revidierter Auflage bei Junius erschienene Standardwerk von Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp schafft diesen Spagat zwischen notwendiger Vereinfachung und vertiefender Analyse recht gut. Auf 140 Seiten diskutieren die beiden Autorinnen, die jeweils zwei Kapitel des Buches geschrieben haben, die feministischen Strömungen vom Beginn der ersten Frauenbewegung bis zur heutigen Zeit und erklären Zusammenhänge und Unterschiede. Der Fokus liegt dabei auf dem deutschsprachigen und us-amerikanischen Raum.




Frauen können nicht einparken, Männer finden sogar ohne Karte noch ihr Auto in einer fremden Stadt wieder. Frauen orientieren sich an Gebäuden, Männer an Himmelsrichtungen – dass in diesen Klischees auch wissenschaftliche Wahrheit stecke, behaupteten besonders erfolgreich Barbara und Allen Pease. Zum Ärger der Psychologin Prof. Dr. Claudia Quaiser-Pohl und der Neurobiologin Dr. Kirsten Jordan. Beide erforschen in ihrer täglichen Arbeit, wie Männer und Frauen Informationen verarbeiten, vor allem, wenn es um die Orientierung geht. Zusammen mit 15 weiteren Wissenschaftler_innen stellen sie in „Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben“ die Ergebnisse ihrer Arbeit vor und setzen sich dezidiert mit den Thesen der Peases auseinander. 






