Was Frauen wirklich über Rechtsprechung wissen müssen

18. April 2012 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 26 von 26 der Serie Der Kommentar

Cat ist Juristin und lebt und arbeitet irgendwo am Rhein. Als Berufspendlerin läuft sie dabei täglich zwangsläufig der Bildzeitung über den Weg. Dabei hat sie am Wochenende einen Artikel gefunden.

Darin erklärt die Bild-Redaktion, welche die “30 wichtigsten Urteile für Frauen” seien. Nicht nur, dass sie dabei Prinzipien des Rechtssystems entweder missverstehen oder (was ich für wahrscheinlicher halte) nicht kennen, nein, sie wählen auch noch diese 30 Urteile anhand des klassischen Frauen-Klischees aus. Dementsprechend drehen sich diese unglaublich wichtigen Urteile hauptsächlich um verpfuschte Frisörbesuche, die Positionierung von Kinderwagen in Hausfluren und der Rolle der Frau als Mutter.

Wenn man schon von der grundsätzlich falschen Annahme ausgehen möchte, dass es Urteile “für Frauen” gibt, (abgesehen von Urteilen zu … hm … sagen wir Anspruch auf Mutterschaftsgeld …), dann ist dieser Artikel immer noch hahne­büchen.

  • Kein Wort davon, dass der Grundsatz “gleiches Geld für gleiche Arbeit” gilt und trotzdem ein Gender Pay Gap existiert. Offensichtlich hat es “für Frauen” wichtiger zu sein, den Frisör wegen “verpfuschter Arbeit” zu verklagen. Dass sie ihn mit 70% dessen, was sie als Mann verdient hätten, bezahlt haben – geschenkt. Lieber hübsch und unterbezahlt, als gleichberechtigt?
  • Kein Wort davon, dass man auch als Teilzeitkraft (die ja leider in überwältigender Mehrheit Frauen sind) dieselben Rechte und Pflichten hat, wie als Festangestellte? Kein Wort davon, dass man während Mutterschutz und Elternzeit Rechte hat (auch bei letzterem sind häufiger Frauen betroffen “weil wir auf das hohe Einkommen von ihm nicht verzichten können”)?
  • Kein Wort davon, dass im Bewerbungsgespräch Fragen nach Familienstand, -planung, Ehewünschen, Kinderwünschen verboten sind?
  • Kein Wort davon, dass man einen Anspruch gegen seinen Arbeitgeber hat, dass dieser den Kollegen dazu verpflichten kann, seinen Playboybunny-Kalender (oder seine Seite-1-Mädchen-Sammlung) von der Bürowand zu nehmen?
  • Kein Wort davon, dass und ggf. wie man sich gegen Dresscodes wehren kann?

Abgesehen von der ätzenden Misogynie haben die Bild-Redakteure neben einigen höchstrichterlichen Urteilen auch Amts- und Landgerichtsurteile zitiert. Was ihren Leserinnen im Zweifel nur leider wenig helfen dürfte. Denn entgegen der Bild­unterstellung, hat das, was das Amtsgericht in Pupsberg an der Bö zum Thema Highheels­geklacker in der Mietwohnung entschieden hat, keinerlei Einfluss darauf, was außerhalb der Beziehung zwischen den am Prozess beteiligten Parteien gilt.

Diesen Allgemeingültigkeitsanspruch, wie die Bild ihn für ihre zitierten Urteile behauptet, haben nur höchstrichterliche Entscheidungen (sprich von Bundes­gerichten). Und selbst die sind selten so einfach zusammen zu fassen, dass die oft mehrere Seiten umfassenden Entscheidungen ohne ihren Sinn zu verfälschen in 2 Zeilen zusammengefasst werden könnten.

Und dafür, dass die Redakteure einen Highheel, der in einem Strafrechtsurteil zurecht als “gefährliches Werkzeug” eingestuft wurde, als “Waffe” bezeichnen, wäre jede/r Jura-Ersti mit Null Punkten durch die Strafrecht II – Klausur gerauscht.

An diesem Artikel ist so viel falsch, dass man eigentlich gar nicht weiß, wo man anfangen soll…


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Männliche Vergewaltigungsopfer? Dänemark diskutiert

24. Februar 2012 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 25 von 26 der Serie Der Kommentar

Verena Haßler ist vor eineinhalb Jahren nach Dänemark gezogen, wo sie für ihr Studium bevorzugt europäische Fragestellungen aus der Genderperspektive heraus analysiert. Im Moment schreibt sie an ihrer Masterarbeit über Intersektionalität in der Kommunalpolitik im deutsch-dänischen Vergleich. Sie freut sich, dass in ihrer Wahlheimat feministische Diskurse eine vergleichsweise breite Öffentlichkeit mit einschließen, beobachtet aber mit Sorge, wie das ehemalige Vorreiterland gleichstellungspolitisch immer mehr den Anschluss an seine skandinavischen Nachbarn verliert. In ihrer Freizeit trainiert sie Taekwondo und arbeitet ehrenamtlich für das Frauenmuseum in Aarhus.

[Triggerwarnung] Ein sexualisierter Übergriff in der dänischen Version der Reality-TV-Show “Paradise Hotel” (Staffel 8, Folge 9) hat in der letzten Woche zu heftigen Diskussionen in den dänischen Online-Medien geführt. Paradise Hotel ist ein Reality-TV-Format, das ursprünglich aus den USQ stammt und gezielt auf die Überschreitung sexueller Grenzen setzt. Eine Gruppe von Single-Frauen und –Männern konkurriert darum, bis zum Ende der Show in einem Luxus-Hotel in südlichen Gefilden bleiben zu dürfen. Unter anderem werden die teilnehmenden Männer und Frauen jede Woche zu Pärchen zusammengesetzt, die dann ein Hotelzimmer teilen müssen.

In der besagten Ausstrahlung sieht man, wie Show-Teilnehmer Julian betrunken auf einer Bank einschläft. Dort entdecken ihn zwei andere Teilnehmerinnen, die sich ihm mit den Worten “Sollen wir ihn vergewaltigen?” nähern. Eine der jungen Frauen setzt sich rittlings auf ihn, während die andere versucht ihn zu küssen und schließlich seine Genitalien berührt. Im weiteren Verlauf öffnet Julian schließlich die Augen und schläft nach einem kurzen Gespräch mit einer der Frauen zusammen mit ihr ein.

Der Programmdirektor von TV3 erklärte, die Szene sei senderintern diskutiert worden. “Vergewaltigung” sei ein heftiger Begriff, man sei sich jedoch einig gewesen, dass es sich in diesem Fall bloß um einen Begriff aus dem “Mädchenjargon” der Teilnehmerinnen gehandelt habe, die ja mehrmals darüber gesprochen hätten, dass sie sich gerne “auf die Jungs stürzen” wollen. Eine fragwürdige Begründung, wenn man mich fragt, fast so verharmlosend wie die Aussage eines anderen Debattenteilnehmers, wonach angeblich alle Männer gern von zwei hübschen Mädels “vergewaltigt” werden wollen, und wonach man eben akzeptieren müsse, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern und deren Rolle im sexuellen Zusammenspiel gäbe.

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Menschenrechte, Machtverhältnisse und Ausschlüsse

22. Februar 2012 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 24 von 26 der Serie Der Kommentar

Yetzt ist eine Queerulantin und rantet gerne. Im Blog “Haecksenbrause” schreibt er über koffeinhaltige Genuss- und Erfrischungsgetränke und mit der Netzguerilla kümmert sie sich um die Servertechnik hinter vielen spannenden Projekten wie Hatr oder der Mädchenmannschaft.

Eigentlich klingt es erstmal nach einer guten Idee, universelle Rechte zu definieren, die allen Menschen zustehen. Faktisch ist der Zugang zu diesen Rechten nur wenigen privilegierten Menschen garantiert, tatsächlich lassen sich anhand der Verletzung dieser Rechte ziemlich gut die gesellschaftlichen Machtstrukturen auf diesem Planeten nachzeichnen. Selbst in der bald 65 Jahre alten und nur sehr zögerlich an moderne Auffassungen von gesellschaftlicher Gleichheit angepassten Universellen Deklaration der Menschenrechte stecken Realitätskonstruktionen und Ausschlüsse, die erst beim genauen betrachten auffallen. Die signifikantesten davon möchte ich herausgreifen.

Durch die Erklärung ziehen sich Begrifflichkeiten wie “Volk”, “Rasse” und “Nation”. Es ist völlig offensichtlich, dass schon allein diese Tatsache Grund genug für eine umfangreiche Kritik an der Menschenrechtsdeklaration ist. Ich blende jedoch die benutzte Sprache in der Betrachung weitestgehend aus, da ich die Ausschlüsse jenseits der verwendeten Sprache herauszeichnen möchte.

“[...] da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen” — Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Präambel

Die Menschenrechte dienen also auch dem Schutz der globalen Herrschaftsstrukturen vor Emanzipation. Der propagierte schöngezeichnete Ist-Zustand an Demokratie, Recht, Kapital, Herrschaft und so weiter wird zum Ideal erklärt, weniger herrschaftsförmige Strukturen sollen verhindert werden.

“Alle Menschen [...] sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.” — Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 1

Brüderlichkeit? Dem Verständnis der Erklärung nach sind also Menschen in erster Linie Brüder, also Männer.

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Ans Licht mit dem Wolkenkuckucksblog! Ein Aufruf.

31. Januar 2012 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 23 von 26 der Serie Der Kommentar

Jana hat gerade ihren Wolkenkuckucksblog gestartet und wir veröffentlichen mit freundlicher Genehmigung Ihren Blogpost zu Lurker_innen. Sie sucht außerdem Kontakt zu anderen Lurker_innen, die sich unter wolkenkuckucksblog@gmail.com bei ihr melden können.

Seit mindestens vier Jahren habe ich ein imaginäres Blog. Ich befülle es allwöchentlich mit virtuellen Einträgen. Wenn ich in Stimmung bin, denke ich mir virtuelle Kommentare dazu aus. Ich habe sogar schon diverse Domains registriert, WordPress-Themes angepasst und About-Seiten verfasst. Doch freigeschaltet habe ich sie nie. Und einen tatsächlichen Blogeintrag habe ich noch nie geschrieben, auch wenn ich es mir jeden Monat aufs Neue vornehme.

Ich habe das immer für meine persönliche Wahnsinnigkeit gehalten. Doch seit einiger Zeit frage ich mich, ob das wirklich stimmt. Ob es nicht doch noch viele andere Wolkenkuckucksblogger*innen wie mich gibt – und ob es nicht tatsächlich vornehmlich Wolkenkuckucksbloggerinnen sind. Denn plötzlich fielen mir Parallelen auf: Diese existentielle Angst, wenn ich mal einen Blogkommentar (zweimal in meinem Leben habe ich mich das – unter Pseudonym! – getraut) oder ein Mailinglistenposting geschrieben habe – irgendwie fühlte sie sich doch sehr ähnlich an wie der Fluchtimpuls, der mich regelmäßig in platzhirschdominierten Gesprächsrunden ergreift. Dieser Drang, bloß unsichtbar zu bleiben. Diese Stimme, die mir einredete, ich habe nichts Sinnvolles beizutragen: War das nicht vielleicht der „innere Patriarch“, vor dem mich eine wohlwollende ältere Kollegin immer gewarnt hatte? Diese ständigen Gedankenschleifen: Ich blogge unter meinem richtigen Namen, ist doch Quatsch sich zu verstecken. Aber was, wenn ein wahnsinniger Internettroll mich aufspürt? Also doch ein Pseudonym? Aber das ist doch feige! Und da capo. War diese Angst vor „dem bedrohlichen Internet“ nicht sehr vergleichbar mit der Angst vor dem gefährlichen Park / der unheimlichen Seitenstraße / dem finsteren Hinterhof / der einsamen Haltestelle in der Dämmerung? (weiterlesen …)


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Starke Schmerzen

19. Januar 2012 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 22 von 26 der Serie Der Kommentar

Teresa Bücker, im Netz auch unter Fräulein Tessa bekannt, ist Femininja und bloggt seit mehreren Jahren auf Flannel Apparel. Seit einiger Zeit schreibt sie für die FAZ-Online-Kolumne Deus Ex Machina über Kommunikation, Beziehungen und Digitales und arbeitet nebenher für die SPD. Ihre Kritik an den kürzlich in großen Medien erschienenen Artikeln über Männer/bilder in der Krise veröffentlichen wir hier mit freundlicher Genehmigung.

Mich hat in den Reaktionen, die ich zu Nina Pauers Text über Schmerzensmänner beobachtet habe, besonders irritiert, wie viele Männer ihr zustimmten und einstimmten in einem Kanon à la: “Nur Arschlöcher bekommen Frauen ab, die netten Jungs nicht.” (Schuld daran sind natürlich die bösen Frauen)

Das Gelabere von der “Krise der Männlichkeit” (Wir erinnern uns: The Atlantic: “The End of Men”, oder Claudius Seidl, der in der FAS gar vom “November der Männer” sprach) verschleiert eine Kernaussage unter einer versuchten Mitleidserregung für “weichere” Männer: durch den Wandel der Geschlechterrollen und das Erstarken von Frauen in der Gesellschaft seien Männer in Zweifel an ihrer Rolle geraten. Um diese wieder zu stabilisieren, braucht es eine Rückkehr in traditionelle Rollenmuster << das ist die Hidden Agenda.

Wo aber bleibt der Diskurs unter Männern über die vielfältigen Rollen, die sie einnehmen könnten (und auch schon immer tun).

Eine Rückkehr in alte Rollenmuster wünscht sich scheinbar auch Nina Pauer. Schade. Wir sind immer alle so emanzipiert (in der Theorie) und sobald es hart auf hart kommt, nämlich in Beziehungen, wenn Menschen Familien gründen, bröckelt es. Ja, da können Frauen sich fragen, warum es ihnen plötzlich doch etwas ausmacht, den ersten Schritt zu machen, das Haupteinkommen zu verdienen, die Kinder loszulassen. Das kann aber nicht losgelöst davon gesehen werden, dass Frauen nach wie vor in diese Position gedrängt werden. Dass Frauen auf den kühnen Prinz warten, ist harte Sozialisation.

Dass "Männlichkeit" in vielen Facetten gelebt werden kann und akzeptiert wird, dafür ist jedoch nicht der Feminismus zuständig. Wie das geschehen kann, sollten Männer (laut) überlegen. Ich bin gespannt. Denn das Verlangen nach starken Männern zeigt zweierlei: es braucht den Feminismus noch, und zwar sehr. Aber auch eine Entsprechung für die Herren.

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Hinweis: Der Spiegel schreibt über die “Verweichlichung einer Generation junger Männer” und in der FAZ sind die “Geschlechterrollen im Wandel”.


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Nur Konsens ist Sex

14. Dezember 2011 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 21 von 26 der Serie Der Kommentar

Leonie Kapfer, 25, hat in Wien Ernährungswissenschaften studiert und arbeitet beim feministischen Monatsmagazin an.schläge als Redakteurin. Dabei recherchiert sie gerade für die nächste Ausgabe der an.schläge über die wundervolle Welt der Orgasmen und findet Feminist_innen sollten sich endlich wieder mehr mit dem Thema Sex auseinandersetzen. Für die an.schläge schrieb sie auch den Text: “Nur Konsens ist Sex“, den sie uns als Gastbeitrag zur Verfügung stellt.

Was ist eigentlich los mit dem heterosexuellen Geschlechtsverkehr? Wie kann es sein, dass Männer wie Strauss-Kahn, Assange und Kachelmann denken, sie hätten einvernehmlichen Sex, obwohl ihr Gegenüber das ganz anders sieht? Wer eine Antwort auf diese Frage will, muss sich genauer mit dem Konzept „Konsens“ beschäftigen.

Unsere heutige Idee von einvernehmlichem Sex beinhaltet einzig die Abwesenheit eines Neins. Wer nicht Nein sagt, meint Ja. Schweigen wird so ungewollt zur Zustimmung. In dieser Vorstellung existieren aber zahlreiche Grauzonen. Was tun, wenn ein/e SexualpartnerIn nicht in der Lage ist, ein Nein zu formulieren? Sei es, dass sie unter Drogeneinfluss steht oder andere Umstände eine verbale Kommunikation verhindern.

Was bloßes „Nein heißt Nein“ in der Praxis bedeutet, zeigt etwa ein erschütternder Fall in Paderborn. Dort hat ein 48-jähriger Mann über Jahre hinweg eine psychisch kranke Frau vergewaltigt. Der Richter sprach den Mann jedoch frei, da sein Opfer keinen Widerstand geleistet hatte.

So wichtig der Slogan „Nein heißt Nein“ auch war und ist – um wirklich konsensuellen Sex zu haben, bedarf es mehr. „Bevor ich wusste, was passiert, war er in mir. Kein Vorspiel, keine Warnung, kein Konsens. Es tat weh und weher, und es hörte auch nicht auf zu schmerzen, und selbst heute tut es noch weh, wenn ich daran denke, dass ich damals zu schüchtern und zu verstört war, um Nein zu sagen.“ So beschreibt US-Comedian Margaret Cho ihr erstes Mal. Ein Einzelfall ist diese Geschichte mit Sicherheit nicht. Grenzüberschreitungen dieser Art passieren immer wieder, und die Schuld wird letztlich den Frauen gegeben, denn sie hätten ja Nein sagen können. Unsere angebliche sexuelle Befreiung ist auf ein Nein zusammengeschrumpft.

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Wenn Browser Frauen wären – Sexismus im Informatikunterricht

4. November 2011 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 20 von 26 der Serie Der Kommentar

Emma ist Informatikstudentin im dritten Semester und hat ihr eigenes feministisches Blog (das sie an dieser Stelle lieber unerwähnt lässt) und schaut gerne Filme und Fernsehen, auch wenn sie sich die ganze Zeit nur über deren Inhalte aufregen kann. Emma erlebte eine ekelhaft sexistische Informatikstunde und schrieb für die Mädchenmannschaft ihre Geschichte auf. Falls du auch gerne mal etwas von der Seele schreiben möchtest, sag’ bescheid!

Englisch-Modul… oder wie ich es gerne nenne: Desaster.

Aufgrund meines Studienplans muss ich 150 Stunden in einem Nebenfach belegen und es bietet sich an, Englisch zu wählen, da ich im weiteren Verlauf meines Informatik-Studiums einen Sprachnachweis benötigen werde – und weil Englisch weniger Arbeit bedeutet, als fast jedes andere Fach.

Erste Stunde, 33 Leute, davon vier Frauen (inklusive mir). Gut, das ist nicht ungewöhnlich. In einer meiner Übungen bin ich die einzige Frau unter 30 Leuten. Weniger als der geringe Frauenanteil störte mich mit fortschreitender Zeit jedoch das Gebaren meines Kursleiters, genauer, wie er die ganze Zeit betonte, dass Apple-Produkte derart überlegen seien und ich bei mir dachte: “Klar, wenn man es sich denn leisten kann, kann man sicher toll damit angeben.” Denn, seien wir ehrlich – die Software von Apple ist auch nicht besser als Linux. Nur ungleich teurer. Im Laufe der Stunde wurden dann einige Fragen vorgegeben, die reihum von allen Anwesenden beantwortet werden sollten. Darunter: Welcher war der erste Computer, an dem ihr gearbeitet/gespielt habt? Wie immer zählten einige Teilnehmer die MHz-Zahl auf (und andere Werte, die mich nicht weniger interessieren könnten), aber was meine Nerven mehr zu beanspruchen drohte, war die Antwort der Mehrheit der männlichen Studierenden: “Der Computer meines Vaters.” Diese Antwort wurde nach kurzer Zeit nur noch mit einem gedämpften “Natürlich” quittiert.

Und ich dachte mir: “Schön für euch, bei mir war’s der Computer meiner Mutter”, aber da ich mir nicht suggerieren lassen wollte, dass ich nur aus diesem Grund dieses ‘ungewöhnliche’ Studium gewählt hatte, beschränkte ich mich auf “Eltern”. Vor dieser meiner Antwort lag aber schon ein kleines Sahnehäubchen, das mich nichts Gutes ahnen ließ. Ein Student (einer dieser Typen, der die Bestätigung der Gruppe aufsaugt und dem kein Witz dafür zu dumm ist), sagt:

“Der erste Computer, an dem ich arbeitete, war der meiner Großmutter.” (Gelächter im Raum)

Meine Gedanken: “Was ist daran so abwegig?” Meine Großmutter hat sich in die Bedienung von Computern eingearbeitet, mein Opa weiß immer noch nicht, wie’s geht und will es auch nicht lernen.‘ Der Student sagte dann:

“Nee Scherz, der meines Vaters.” (Noch mehr Gelächter)

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“Feminismus? Vielleicht, wenn die Chemo um ist”

14. Oktober 2011 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 19 von 26 der Serie Der Kommentar

Im Mädchenblog hat LisaCalisa einen Text über Queer, Feminismus, Pathologisierung und Behinderung geschrieben, den wir hier mit freundlicher Genehmigung gern noch einmal veröffentlichen. Für Austausch, Vernetzung und Stimme steht euch wie immer die Kommentarfunktion zur Verfügung.

Awareness-Handicap

Wir sind da. Wir sind mitten unter euch. Wenn es geht. Aber habt ihr uns schon gesehen? Wir sind nicht viele…

Wir sind die Subgruppe „Krank“. Queer und „krank“. Passt das? Es ist auf jeden Fall nicht das hot topic. Und wird auch nicht gern gesehen. Versteckt euch nicht mehr! Versteckt nicht mehr euer Anderssein. Versteckt nicht mehr eure Narben und Wunden, eure Glatzen, eure Mäkel, eure Ängste und Erfahrungen. Es kann so schnell gehen. Ein Unfall, eine Diagnose, ein Röntgenbild, ein Blutwert und Zack, du wirst in eine Welt aus Medizinern, Krankenhäusern, MRTs, Cts, OP- Tischen, Narkosen, Einwilligungen zum Risiko zu Sterben, Medikamenten, Nebenwirkungen, Reha und endlosen Wartezeiten katapultiert. Schwerbehindertenausweis. Ich? Vielleicht bist du schon immer hier. Gehörlos. Blind. Queer? Das spielt im Krankenhaus keine Rolle. Kämpfen für den Feminismus? Vielleicht, wenn die Chemo um ist. Demonstrieren gehen? Ja, wenn die Entzündungen weg sind. Hier wirst du nach deiner Konfession gefragt und ob dein Ehemann an deinem Bett sitzt.

Du wirst rausgezogen aus deiner queeren Welt, die du dir selbst gebastelt hast. Als Einsiedlerkrebs musst du gerade da weiterkämpfen, wo du dich sowieso schwach fühlst. Mit Glück findest du ein paar coolere Leute. Die dich so nehmen, wie du bist.

Wir reden über Mehrfachdiskrimnierung. Über Frauen, MigrantInnen, Alter, Klasse, Mütter, Queers… Wo sind die handicapped people? Wieso verstecken wir uns immer noch? Wieso werden regelmäßig Gehörlose, Blinde, körperbehinderte, geistig behinderte, psychisch vielfältige Personen ausgeschlossen? Wieso bedecken wir unsere Narben? Wieso verstecken wir unser Anderssein? Wieso müssen wir immer den nervigen Blicken stand halten…“Was hat DIE denn bloß?!“. Warum sprechen wir nicht über die Begegnung mit dem Tod? Weil es den anderen Angst macht? Was ist mit Diskriminierung und Ausschluss im „Schutzraum“?

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Echte Kerle

29. April 2011 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 18 von 26 der Serie Der Kommentar

Patrick Pricken kann sich schlecht einschränken. Darum bloggt er über Politik, Religion, Gesellschaft, Sexualität, kritisches Denken, Bücher, Filme und rezensiert nebenher noch Twilight und Biokrieg kapitelweise. Beeinflusst werden die Beiträge durch seine Vorliebe für Wissenschaft und Skepsis und seine ideologischen Wurzeln im Humanismus und Feminismus. Einen direkten Bezug zu letzterem gab es bei der Kampagne der DNA-Stiftung, deren Name sich von Demi Moore (D) und (N) Ashton Kutcher (A) ableitet. Die Stiftung hat Filme mit prominenten Kerlen gedreht, um auf Zwangsprostitution von Minderjährigen und Menschenhandel aufmerksam zu machen, und dazu ganz tief in die Stereotypenkiste gegriffen. Aber seht selbst:

Habt ihr am Ende auch gestutzt?

Das ist ein Film der DNA-Stiftung von Demi Moore und Ashton Kutcher, die sich mit einer ganzen Reihe solcher Videos gegen sexuelle Ausbeutung und den Handel von Minderjährigen einsetzen. Ein weiteres Beispiel:

Ich halte diese Filme für ziemlich misslungen.

Erstens ist der vermeintliche Humor viel zu weit von der Botschaft entfernt. »Echte Kerle kaufen keine Mädchen« kommt wie aus dem Nichts und ergibt auch im Nachhinein nicht wirklich Sinn. Hier ist das Konzept zu weit getrieben wurden.

Zweitens habe ich hier ein ähnliches Problem wie bei dem Old-Spice-Typen: es wird ein ganz bestimmter Stereotyp von Männlichkeit gefeiert, der Bier trinkt, das Bügeleisen für Sandwiches missbraucht und ansonsten nur hart und cool und unnahbar ist. Das ist ein schädlicher Stereotyp, der nichtsdestotrotz positiv besetzt ist. Hier werden keine Bilder ironisiert, sondern hier sollen Typen vor dem Bildschirm »Fuck Yeah« sagen, weil diese Männlichkeit erstrebenswert ist. Männer sollen so sein und Frauen sowas wollen. Anders als bei Old Spice finde ich es aber noch problematischer, diese Stereotypen mit Sexhandel zu verknüpfen.

Drittens ist das Thema von Prostitution leider nicht dasselbe wie Vergewaltigung. Bei Vergewaltigungen wird gerne den Überlebenden gesagt, sie sollten vorsichtiger sein. Dort habe ich begrüßt, wenn sich Kampagnen mal gegen die Täter richten. Bei Prostitution aber sind die Freier in meinen Augen ohnehin oft die Schuldigen. Hier wäre es vielleicht angebrachter, mal die systemischen Bedingungen zu beleuchten, wie man das ja auch mit Rape Culture (ansatzweise) tut. Vor allem stört mich, dass dieselbe Begründung eben auch bei Prostitution mit Erwachsenen verwendet wird, und dass Organisationen gegen Menschenhandel (vor allem in den USA) gerne jede Form von Prostitution über einen Kamm scheren und jeder Frau im Sexgewerbe nur eine Opferrolle zusprechen und kein Mitspracherecht. Darum finde ich »Real Men don’t Rape« angemessener als »Real Men don’t buy Girls« – zumal bei der ersteren Kampagne eben nicht die typischen Rollenklischees transportiert werden.

Gleichzeitig weiß ich aber, dass auch in der legalen Prostitution immer mehr junge Gesichter nachgefragt werden und entsprechend auch minderjährige oder gerade nicht mehr minderjährige Mädchen und Frauen ins Land geschleust werden, um den zahlenden Männern dienlich zu sein. Und gegen diese abgefuckte Situation muss man etwas tun. Ich bin theoretisch pro Prostitution, wenn es wirklich mehr oder weniger freie Entscheidungen sind, die in dieses Geschäft führen, aber in der Realität ist das leider lange nicht der Regelfall. Dadurch wird der Fehlschlag dieser sicher teuren Werbekampagne aber noch schmerzhafter.

(Dieser Text erschien ursprünglich auf p-pricken.de.)


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Die Geschichte von Astra und dem lustigen „Tatsch-Screen“

13. April 2011 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 17 von 26 der Serie Der Kommentar

Ninia Binias bezeichnet sich selbst abwechselnd als Germanistin, Kunsthistorikerin, Bloggerin, Slammerin und Unternehmenskommunikationsfrau. Seit 2009 bloggt sie auf Ninia LaGrande. In unserer Reihe der WWW Girls wurde sie hier vorgestellt.

Der Astra Tatsch-Screen (Bild über Ninia LaGrande über horizont.net)

Der Astra Tatsch-Screen (Bild über Ninia LaGrande über horizont.net)

Mein Blog ist eine Plattform für meine Slamtexte, Fotos, Musik, Veranstaltungen und eben auch für meine „Beschwerdebriefe“, die ich an Unternehmen schicke, wenn die Sachen machen, die mir nicht gefallen. So auch bei Astra, als ich eines der neuen Plakat für ihre Kampagne „Astra bleibt analog“ gesehen habe. Ein Frauenpo in glänzender Hotpants und Leopardentattoo an den Beinen wirbt für den neuen Astra „Tatsch-Screen“. Es existiert auch ein zweites Motiv für die Kampagne: Zu sehen ist ein Mann, komplett angekleidet, mit Lebkuchenherz („Toll! Astra mit 1 Gigaherz!“).

Einen Frauenpo an einer Theke als neuen „Tatsch-Screen“ zu bezeichnen fand ich nicht nur daneben, sondern absolut zum Kotzen und schrieb folgenden Brief an Astra:

Liebe Agentur Philipp und Keuntje, liebe Astra-Menschen, ich gebe zu dass dieser Kylie-Popo in stylisch glänzender Hotpants gut aussieht. Allerdings hoffe ich, dass ihr alle, solltet ihr tatsächlich mal solch einen Popo “touchen”, ordentlich was in die Fresse bekommt. Wie kommt man auf die Idee, mit so einem Anzeigenmotiv indirekt dazu aufzufordern, einer Frau ungefragt an den Hintern zu packen, nur weil der ja gerade so schön glänzt. Geht’s noch? Selbst, wenn die Dame nackelig herum rennen würde, hat keiner das Recht, sie anzufassen. Nur weil er gerne “analog” bleiben möchte. Und noch viel schlimmer finde ich, dass die W&V, die ich eigentlich gerne lese, diese Anzeige zum “Favouriten” der Woche gemacht hat. Sie würden so einen Hintern nämlich auch im echten Leben gerne mal “touchen”. Die Agentur sagt, Astra hätte ein Herz für alle, die sich im World Wide Web verheddert haben. Tja, schade, ich habe leider kein Herz für Werbemenschen, die im Kopf vollkommen verheddert sind.

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